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Interview (Audio)

Christian Rosemann
Christian Rosemann

Karate, eine Frage des richtigen Alters?

 

Oft wird gesagt, dass sich die Kampfkunst Karate für alle Altersklassen zum Einstieg eignet. Ist das wirklich so? Um dieser Frage einmal etwas nachzugehen findet sich im Folgenden ein Interview mit einem unserer derzeitigen Karate-Anfänger der Abteilung. Sein Name ist Christian und er ist 46 Jahre alt. Mit dem Training hat er bei uns vor ca. einem dreiviertel Jahr begonnen. Über seine bisherigen Erfahrungen im Training, was Karate für ihn bedeutet, worin der Reiz liegt sich in dieser Kunst unterrichten zu lassen und ob er Karate aus seiner Sicht für die Altersklassen 30 + empfehlen kann, berichtet er nun im Folgenden.

Unten stehend findet sich eine verkürzte Zusammenfassung des Interviews. Wer sich das ausführliche Originalinterview anhören möchte, kann das hier tun (Audiodatei über Bild von Christian).



Hallo Christian! Danke, dass du dich bereit erklärt hast, einmal über deine bisherigen Erfahrungen hier in unserer Abteilung Karate der TSG Balingen zu berichten. Meine erste Frage an dich: Wie bist du darauf gekommen mit Karate zu beginnen?

Hallo Frank! Ja der ausschlaggebende Punkt mit Karate zu beginnen war für mich die Geschichte, die sich vor einiger Zeit in München ereignet hat. Dort wurde ein 50-jähriger von Jugendlichen an einer S-Bahn Haltestelle brutal niedergeschlagen und erlag auch an den daraus hervorgegangenen sehr schweren Verletzungen. Da ich selbst Bekannte in München habe, ist mir in diesem Zusammenhang irgendwie bewusst geworden, dass mir so etwas ja theoretisch auch passieren könnte. Daraus entsprang dann auch der Grundgedanke in mir, dass es sicher nicht schlecht ist, wenn man sich im Ernstfall ein bisschen besser zu verteidigen weiß, als nur im Affekt um sich zu schlagen.
Ein zweiter Punkt war mein ältester Bruder, der 60 Jahre alt ist und vor ca. zwei Jahren mit Karate angefangen hat. Er hat immer vom Karate geschwärmt und so habe ich mich eines Tages entschieden, einfach mal vorbei zuschauen, um zu sehen was für Leute man dort antrifft und wie das Ganze abläuft.

Du bist dann im September vergangenen Jahres bei uns vorbeigekommen und hast einfach mal mitgemacht. Die interessante Frage ist jetzt: Wie ist Karate denn nun in Wirklichkeit, wenn du es mit Deinen vorher gemachten Erwartungen vergleichst?

Ich bin früher viel Fahrrad gefahren und habe Fußball gespielt. Das war auch schön, aber die Belastungen waren recht einseitig und betrafen hauptsächlich die Beinkraft. Was mir am Karate besonders gut gefällt, ist der ganzheitliche Ansatz, bei dem alle Muskelgruppen wie Beine, Bauch, Oberkörper und alle restlichen Muskeln des Körpers trainiert werden. Zudem muss man beim Karatetraining eine extreme Konzentration an den Tag legen, um die Übungen richtig auszuführen. Das Schöne daran ist, dass alle Gedanken des Alltags dabei vollkommen ausgeblendet werden.

Würdest Du sagen, dass Du Dich beim Karate ab und zu selber vergisst?

Ja! Komplett!

Und auf was konzentrierst Du Dich dann? Was sind denn die Anforderungen oder wird es einem gar langweilig bei der ganzen Sache? Womit setzt man sich auseinander?

Man setzt sich eigentlich ständig mit seinen Unzulänglichkeiten auseinander.

Was meinst du mit Unzulänglichkeiten?

Dass man die geforderte Übung nicht sauber ausführt. Man hat immer irgendwo Fehler in der Ausführung. Klar mache ich Karate noch nicht sehr lange aber ich glaube, dass das eigentlich nie aufhören wird, da man sich in gewisser Weise immer weiter perfektionieren kann.
Aber es ist tatsächlich so, dass der Alltag komplett weg ist, weil man seine ganze Konzentration auf Beine, Arme, Haltung, Schrittfolge und weitere Aspekte legt. Ich vergesse dabei sogar meinen Tinnitus im Ohr. Er ist wie alles andere während dem Training einfach weg!

Und wie läuft das Training dann so ab? Ist es vorhersehbar, wie das Training abläuft?

Das hängt ganz klar am Trainingsleitenden. Da zurzeit drei Trainer in Rotation die Trainingseinheiten geben, sind verschiedene Trainingsstile vorhanden. Von „deftig“, über „Mittelding“ bis „Dehner“ gibt es alles! (kurzes Lachen) Alles in allem aber eine sehr ausgewogene Mischung!

Im Zusammenhang mit dem Ausdruck „deftig“ stellt sich die Frage, ob Karate wirklich ein Sport ist, der mit viel Schmerz und Blut verbunden ist? Oder was meinst Du mit „deftig“?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Mit „deftig“ meine ich zum einen, dass es manchmal etwas laut zugeht, und zum anderen natürlich auch, dass es körperlich manchmal etwas anstrengend ist, was aber sein muss. Dafür gehe ich ja ins Training! Das ist vollkommen in Ordnung so!

Würdest Du sagen, dass Karate ein Sport ist, der eine gewisse Hierarchie beinhaltet?

Da muss ja so sein! Es muss ja einer da sein, der sagt, was man macht! Alles andere führt zu einem Hühnerhaufen. Dann bräuchten wir nicht trainieren. Das ist aber im ganzen Leben so. Es muss immer einer da sein, der sagt wo der Papa den Most holt! (lacht)

Auch wenn Du das in Ordnung findest – hast Du manchmal Schwierigkeiten, Dich zu motivieren, da Du ja weißt, dass es im Training hin und wieder anstrengend wird?

Nein, ich versuche aus meinen Möglichkeiten immer alles raus zuholen! Wenn ich merke, dass mein Körper nicht mehr kann, dann kann ich es nicht ändern.

Hast Du dann das Gefühl, die Trainer akzeptieren es, wenn Du an deine Grenze gegangen bist?

Es gibt ja immer noch einen gewissen Puffer, den man noch ausschöpfen kann. Es ist nur die Frage, ob man diesen immer abrufen kann. In diesem Grenzbereich ist es dann auch egal, ob der Trainingsleitende noch mehr fordert oder nicht. Wenn die Grenze erreicht ist, höre ich auf.

Machen die Trainer die Leute dann runter, wenn sie nicht mehr weitermachen können?

Nein! Auf keinen Fall! Das ist noch nie vorgekommen!

Wie ist es eigentlich für Dich als gestandener Mann in den späteren Vierzigern teilweise von Trainern unterrichtet zu werden, die  mehr als 15 Jahre jünger sind als Du selbst? Ist das ein Problem für Dich?

Das ist für mich gar kein Problem! Ich sehe ja, dass die Trainer die Übungen um ein tausendfaches besser ausführen können. Ich habe vor jedem Respekt, der in dem was er macht besser ist als ich. Dabei spielt das Alter überhaupt keine Rolle und daher ist das auch überhaupt kein Problem für mich.

Fühlst Du Dich denn in die Trainingsgruppe voll integriert oder gibt es da Distanz aufgrund des Altersunterschieds? Du bist ja immerhin der älteste Schüler in unserer Gruppe.

Das Gefühl hatte ich gar nie! Selbst mit den jüngsten, die schlappe 35 Jahre jünger sind, klappt das wunderbar. Überhaupt kein Problem! Und das finde ich klasse!

Meinst Du, dass Karate für die Altersklasse 30+, 40+, 50+ positive Effekte hat? Und falls ja, welche Effekte wären das Deiner Meinung nach?

Ja! Einer der positiven Effekte ist, dass ich mich dienstags und freitags nach dem Training einfach gut fühle. Ich habe mich dabei mal mehr, mal weniger verausgabt aber das Gefühl danach ist positiv.

Was würdest Du zu jemandem aus diesen  Altersklassen 30+ sagen, der, wie Du damals mit dem Gedanken spielt, einmal beim Karate in Balingen vorbeizuschauen?

Ich würde ihm sagen, dass er mit mir mitgehen soll! Ich mache auch schon Werbung in meinem Kameradenkreis. Ein Kollege von mir ist in Rottweil im Karate und da reden wir schon oft über unsere neuesten Erkenntnisse und Fortschritte. Viele andere, die das mitbekommen, finden es meist auch interessant. Also ehrlich gesagt, ich habe jetzt schon relativ viele Sportarten gemacht wie Badmington, Squasch, Fahrradfahren aber das gefällt mir bis jetzt am Besten – mit Fußball – das fand ich schon als Kind gut! Ich kann es also jedem in den Altersklassen 30+ nur empfehlen! Wenn jemand einen persönlichen Ratschlag braucht, dann gebt ihm meine Kontakte, dann kann er sich sehr gerne bei mir melden!

Alles klar werden wir machen! Christian, ich danke Dir vielmals für das Interview und wünsche Dir auch in der Zukunft weiterhin viel Spaß beim uns im Training!

Gerne! Bis dann!

(und als das Mikrofon eigentlich schon aus sein sollte sagt Christian noch: Ne es ist wirklich so!! Es macht echt Spaß!!!)

Gestellt wurden die Fragen von Frank Lay, Mitglied des 4-köpfigen Trainerteams der Abteilung.

Frank Lay, 1. Dan